Superbahnhof, hier können Sie lange warten

Wegwollen und hier feststecken. »Reclaim social media« ist auch schon wieder gefühlte zehn Jahre her. In gefühlten zehn Jahren wird man sagen, daß das Gefühltsein von allerlei Zeugs ein typisches Merkmal unserer Generation gewesen sein wird, der Generation Daß-mit-Eszett. Generation Zehn-Jahre-zu-spät. Es ist, als ob man mit dem Bewußtsein von vor zehn Jahren aus dem Weltraum zurückkommt und erst wieder sprechen lernen müßte. Einer Sekunde im Weltraum, wo man alles vergißt, entsprechen zehn Jahre auf dem Bahnsteig. Es ist:

 

Der Bahnsteig des Bahnhofs von Gießen

Ein fröhlich klingendes Passwort hebt die Laune

eine Überschrift wie ein Tweet – ich muß mich erstmal dran gewöhnen, hier wieder länger vor mich hinzumurmeln. Beim Vor-sich-hinmurmeln ist die größte Schwierigkeit, daran zu glauben, daß man es nicht besser lassen sollte – erstens, weil einem eh keiner zuhört und zweitens, weil einem mglw. einer zuhören könnte und drittens, weil, wer weiß was passiert, wenn man sich erstmal daran gewöhnt hat, schriftlich vor sich hinzumurmeln, murmelt man dann vielleicht auch schon längst unschriftlich vor sich hin? Wenn ich mich so frage: ja.

 

Manchmal rede ich mit den Toten, als wenn ich sie am Telefon hätte, kürzlich z.B. bei geöffnetem Fenster, unter dem der Nachbar rauchend stand. Für ihn hätte es vermutlich wie ein ganz normales Telefonat geklungen, hätte ich nicht zum Schluß ein und denselben Halbsatz in unterschiedlichen Tonlagen und Dialekten ungefähr zehnmal wiederholt, am besten gefiel mir die Version mit dem pseudoenglischen Akzent. Welcome to my inner Widerhold! (geht auf englisch und auf deutsch)

Henning

Wem arbeite ich doch und breche meiner Seele ab?

So schlicht und einfach wie eine Pyramide oder wenigstens wie ein Meisterhaus von Walter Gropius wollen wir manchmal unsere Verhältnisse und Lebensumstände. Seien A und B jeweils ein Lebensumstand.

 

Hatte ich nicht vor etwa einem Jahr ich-weiß-nicht-mehr-welchen-Buchstaben-ich-verwendet-habe, also »H«, hatte ich H nicht nur noch ein Jahr verbleibende Lebenszeit prophezeit? Die Prophezeit. Mit welchem Recht und zu welchem Ende eigentlich? Jetzt, da das Jahr mehr als einmal rum ist und sie lebendiger scheint als ich mir selbst vorkomme in meiner Pyramide, bin ich beschämt, denn ich konnte es wohl nicht abwarten. Dabei hege ich gar keinen Groll. Es ist eher der Eindruck, daß da wohl nichts mehr zu retten ist, völlig vergebens, sich noch mit diesem Gelebe abzuplagen. Laß gut sein, hör auf. Das kann man ja immer sagen, eigentlich sage ich es jeden Tag zu mir selbst, aber an Schlaf ist nicht zu denken.
 
Mich interessiert das mit der Quantenelektrodynamik, nur wenn einen etwas interessiert, kann man gut bei der Vorlesung einschlafen. Wer aber zu faul für die Mathehausaufgaben ist, muß sich mit Bildern behelfen und landet in der emotionalen Intelligenz. Über den Schnittpunkt zweier Geraden bin ich im Leben nie hinausgekommen, was nicht gerade ein originelles Bild abgibt. Statt Gerade schreibe ich immer Gerda. Als Neunzehnjähriger kam es mir glamourös vor, mit einer Margot verheiratet zu sein, was ich also scherzhaft anstrebte. »Margot« muß in breitem Argot ausgesprochen werden. Gestern habe ich einen im Fernsehen gesehen, der sprach das »-ment« in Establishment französisch aus, was mich daran erinnerte, daß Diederich Diederichsen einmal auf einem Podium immer von Rotwelsch wie in »rotten« statt von Rotwelsch wie in »Rotkohl« sprach, woraufhin ihn Friedrich Wilhelm Heubach verbesserte und Diederichsen sich auf seine fränkische Heimat rausredete oder was auch immer seine Heimat gewesen sein mag. Beruhigt schlief ich ein, denn ich war ebenfalls der Meinung, es hieße Rotkohl.
 
Statt H sind andere gestorben und ich habe angefangen zu zählen. Das ist wie ein Rentnerhobby. Todesursachen: Mukoviszidose, Krebs, allgemeine Verlorenheit, Arbeitsamt. Konrad Adenauer hat einmal gesagt: »jestorben wird immer«. Da hat er sich aber getäuscht. Heute werden alle alt wie Konrad Adenauer, was die jüngere Generation in Schwierigkeiten bringen wird. Und natürlich auch uns, die wir nur so mittelalt sind. Die Rentner von heute könnten ja eigentlich froh sein, aber sie sind alt, was ab siebzig für diese Generation kein Zuckerschlecken ist, wie mir meine Nachbarin versichert. »Macht keinen Spaß mehr«, sagt sie immer, wenn ich sie auf der Treppe treffe. Einmal habe ich mein Onkel-Schmunzel-Gesicht aufgesetzt und behauptet, daß sie sich doch sicher immer noch die eine oder andere kleine Freude bereiten könne. Ich schmunzelte und blinzelte und erntete ein liebreizendes Lächeln für diese Zudring- und plumpe Vertraulichkeit. Aber ich hatte ja Recht. Seit zwei Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen.

Hallenbad

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