In Mailand

So viele Kataloge und Visitenkarten wie möglich sollte ich auf der Möbelmesse für meine Auftraggeberin zusammenraffen. Das war eine ähnlich präzise Anweisung wie die, daß sie von allen Produkten eines Herstellers von Metallgeweben kostenfreie Muster benötige. Der Hersteller von Metallgeweben weigerte sich angesichts dieser Maßlosigkeit jedoch, auch nur ein einziges Muster herauszurücken. Einige hundert Kilogramm Kataloge und Visitenkarten hat sie allerdings doch bekommen, ich weiß nicht, ob sie sie jemals angesehen hat. Damals gab es noch kein richtiges Internet und man hatte einen Muskelkater, das kann ich euch flüstern. Ich bedaure manchmal den blutjungen freien Mitarbeiter, der ich damals war und rate der blutjungen Generation dazu, möglichst rasch diesen Status zu überwinden.

 
Schwejnschn

Schweinesystem, völlig kopflos
 

Jahre später gibt es immer noch keine Jetpacks, mit denen man durch die Messehallen fliegen könnte. Auch als gebrechlicher Fachbesucher muß man sich die Füße blutig latschen, aber immerhin keine hundert Kilogramm Kataloge schleppen, die natürlich immer noch gedruckt, aber nur noch von wenigen in gebrandeten Trolleys übers Gelände gezogen werden. Es ist ja auch schon entwürdigend genug, daß mehrere hundert Visitenkarten mit Webadressen einem das auf Taille geschnittene Jackett ausbeulen.

 

Beinkleider

Die kurzen Hosen von Mailand
 
In Mailand sieht man viele Herren in äußerst körperbetonter, kostbarer Garderobe, was nicht jedem zum Vortheile gereicht, vielen aber schon. In Berlin ist man in einem H&M-Anzug in der U-Bahn hoffnungslos overdressed, in Mailand auf der Möbelmesse kam ich mir in meinem alles-andere-als-H&M-Anzug plump wie eine Sicherheitskraft vor, was vielleicht daran lag, daß ich mich meiner King-George-Stiefel schämte, die King George ja auch tatsächlich als militärische Fußbekleidung für sein Sicherheitspersonal eingeführt hatte. Ich faßte daraufhin den festen Vorsatz, mir in Mailand künftig ebenfalls in Schnallenschuhen aus exotischem Pfauenleder die Füße blutig zu latschen.

 

Pape
King George und Pape
 

Insgesamt waren unter den Besuchern auf dem Messegelände die eleganten Herren deutlich in der Überzahl, in der U-Bahn jedoch die eleganten, jungen Frauen, was, wie ich vermute, daran lag, daß die eleganten Frauen in der U-Bahn zu ihrem Job als Messehostess unterwegs waren, während die eleganten Herren selbstverständlich niemals die abenteuerlich häßliche U-Bahn benutzen würden, sondern in Limousinen herankarriolt werden.

 
Kronleuchter
 

Als Teutone fürchtet man sich vielleicht ein bißchen zu sehr, zu elegant zu wirken. Protz, Pracht und Eleganz auseinanderzuhalten fällt den Deutschen ja auch schwer. Wer z.B. den Bischofssitz zu Limburg wie der Spiegel »Protzbau« nennt, könnte auf der Mailänder Möbelmesse in der »Classico«-Abteilung einiges lernen. Ich war jedenfalls hocherfreut, hier die Einrichtungen zu den sprichwörtlichen goldenen Wasserhähnen anzutreffen, die ein Must-Have aller Ölscheichs und Oligarchen sind. Ob protzig oder elegant, den Italienern macht hier so schnell keiner was vor. Neben bugattieskem Art-Deko-Brutalismo, filigranen Regalkonstruktionen und wohlgeformten Sitzgruppen aus Italien wirkt Rolf Benz eben wie der Mercedes Benz unter den Möbelherstellern.

 

In der Küchenabteilung haben sich die deutschen Aussteller daher meist auch ganz auf deutsche Tugenden besonnen und präsentieren sich als sture Technokraten, worin sie den anderen ordentlich was voraus haben. Aber eben nicht allen. »Smeg« klingt in meinen Ohren ziemlich unhygienisch, der Messestand des italienischen Herstellers übertrifft an sauberer Gestaltung und Grosszügigkeit aber locker die deutschen, die mir etwas zu kleinmütig an die Sache rangehen. Etwas mehr italienischer Charme täte uns gut, dachte sich wohl auch die Fa. Miele aus Gütersloh und verfiel darauf, in Italien Sprüche wie »La dolce Vita« an ihren Messestand zu kleben. In diesem Konzept steckt immerhin eine Menge Ostwestfalen – irgendwie auch rührend.

 
Mies
 

In Deutschland hat man generell Angst vor Schwarz und zieht in der Regel Kackbraun oder Mausgrau vor. Nicht so die Fa. Gaggenau. Über grundsätzlich schwarz gehaltene Wände erhebt sich eine hölzerne Rasterdecke, die im Kontrast zum Schwarz fast golden wirkt. Stützen und Decke sind eine Reminiszenz an Mies van der Rohe, was mir natürlich gut gefallen hat. Sitzgelegenheiten aus Eichenbohlen durchbrechen das starre Raster, der schwarze Boden wird durch Eichendielen aufgelockert, soweit man das von Eichendielen behaupten kann. Ziemlich deutsch, aber ganz überzeugend. Einzig die blöde Ziegelwand hat mich gestört, die sollte wohl das Rot aus Schwarzrotgold darstellen und durfte alles kaputtmachen.

 
Radl
Ebenfalls zur Auflockerung: Don Alphonsos Fitnessclub
 

Zu den Leuchten und den Bädern hab ichs dann nicht mehr geschafft, stattdessen habe ich mir die Ecken- und Randstände angesehen. Hübsch fand ich das Möbelsystem TT bzw. TT3 von Ron Gilad bei Adele–C. Die Damen vom Messestand wirkten aber so verloren, als hätten sie seit Tagen mit niemandem gesprochen. Da wurde ich ganz sentimental und schlug mich schnell zum SaloneSatellite durch, wo der Designernachwuchs ausstellte. Hier traf ich auf Guglielmo Poletti, dessen minimalistischer Designansatz mir Schauer der Begeisterung über den Rücken jagte. Hoffentlich hat er nichts gemerkt. Niedlich und ebenfalls rührend: Molt von Nasu Design, dazu passend: ein Tisch von Shikai Tseng von Poetic Lab. Die raffen jedenfalls nicht in Köln als freie Mitarbeiter Kataloge der Konkurrenz zusammen, das ist doch sehr erfreulich.

 
Regal von Shikai Tseng
Regal von Poetic-Lab
 

Aufgefallen war mir auch ein skandinavischer Stand, wo mal wirklich alles heiter und die Leute locker und freundlich waren. Da entdeckte ich eine Neuauflage des 60er-Jahre-Regalsystems, das bei mir an der Wand hängt und fühlte mich eins mit der Welt. Bald würde ich meine deutsche Steifigkeit abgelegt haben und mit Bootsmann auf Saltkrokan herumtollen, stimmts, Onkel Melker?

 
Office Chair for disabled people
Office Chair von Maria Ignatova

Ururururoma

Innernächte

Erst nachdem ich geträumt hatte, daß mir mein seit nun bald neununddreißig Jahren toter Vater gut gelaunt auf dem Balkon erschienen war, erfuhr ich von dem Volksaberglauben, daß Träume zwischen den Jahren eine besondere Bewandtnis für das ganze folgende Jahr hätten. Stichtag für besondere Bewandtnis sei meinem Gewährsmann zufolge Epiphanias, der sechste Januar. Bis dahin würden von Weihnachten an auf die Tage die Rauhnächte folgen, in denen man Bedeutsames träume. Zuvor hatte ich eine Einladungskarte für eine Ausstellung in der Galerie Dackxs geträumt und nahm daher den Volksaberglauben gerne an, denn ich hätte gerne eine Ausstellung in der Galerie Dackx, auf deren Namen ich stolz bin, da ich ihn mir Traume selbst erdacht hatte. Erst später fiel mir auf, daß mein jenseitiger Vater – »dead Daddy« nenne ich ihn nur ausnahmsweise, um mich zu beruhigen – im Traum versucht hatte, mich mit schelmischen, lockenden Blicken zu sich hinüberzuziehen, was mir durchaus angenehm war, denn seine Nähe ist mir stets angenehm gewesen.

 

In der darauffolgenden Rauhnacht habe ich vom Weltuntergang geträumt. Man hatte sich zwar herbeigelassen, mir eine gewisse Ehre zu erweisen, indem man einige meiner Schriftstücke etwas zu großartig für alle Welt sichtbar in den bedeckten Himmel projizierte. Aber ich wußte nicht, was ich davon halten sollte, denn gefragt hatte mich niemand. Überdies schienen mir einige Stellen nicht ganz und gar auch für die minderjährige oder auch nur empfindlichere Öffentlichkeit geeignet zu sein, jetzt wo sie so groß und golden am Himmel prangten. »Ob man mich wohl dafür belangen kann?«, kam es mir in den Sinn, als auch schon ein abgesprungenes Rotorblatt vom nahegelegenen Windkraftwerk angepoltert kam und das ganze Haus, aus dem ich gerade hervorgetreten war, um den Himmel zu betrachten, niederwalzte. »Glück gehabt«, dachte ich noch, als die Explosionen näherkamen und eine Druckwelle mir das Lebenslicht ausblies.

A, B, und C-Hörnchen

a-hoernchen
A: als Tannenzapfen

 

b-hoernchen
B: als Kaninchen vor der Schlange

 

c-hoernchen
C: als Vögelchen

 

Thibault Steak

Heute möchte ich einigen Impulsen widerstehen. Seit einigen Jahren beobachte ich bei Ebay Zirkel. Manchmal interessiere ich mich auch für andere Präzisionsinstrumente zur manuellen Betätigung. Dabei geht meine fehlgeleitete Objektlibido nicht so weit, daß ich mich für analoge Fotoapparate und Mikroskope aus Messing interessiere, wie andere Kunden. Ich habe analoge Fotoapparate bis der Arzt kommt und sich meine Objektlibido unterm Messingmikroskop aus seiner Doktortasche vintage shabby chic anschaut. Er erzählt mir, daß der Terminus Objektlibido für meine Spielart des Warenfetischismus keine passende Bezeichnung darstellte und mitnichten die Liebe zu Gegenständen bezeichne.

 

»Objektlibido, Objektlibido« wurmt es in meinem Gehirn herum, sie bezeichnet die Liebe von Gegenständen zu ihrem Eigentümer. Sie ist Organ der Rechtspflege. Hat sie dich einmal angefallen, wirst du sie nicht mehr los. Besonders affig finde ich, daß mein Organ der Sprachpflege sie immer auf der letzten Silbe betont: Objektibidó, PadammBadabámm – sogar wenn gar kein Objekt vorhanden ist. Libidó. Libido de Guy d’Eau. Ich möchte mal wissen, woher, bzw. wohin ich das habe. Ach sô: Zirkel. Fin.

potsdamerplatz

Rock on

Geschlafen wie ein Stein, auf einem Kissen aus Stein, geschwitzt unter einer Decke aus Mineralwolle auf einer Matratze von Ikea, die zu den härtesten und heißesten Steinmatratzen dieser Welt zählt. Während ich schlief, hat jemand meine gestern gegessene Mahlzeit gegen Wackersteine ausgetauscht.

 

Die Klause des heiligen Klaus von Flüe enthielt nach eigenem Augenschein als Bett eine Pritsche und auch ein Kopfkissen aus Stein. Es heißt, Bruder Klaus habe sich ausschließlich von Gebeten und der heiligen Kommunion ernährt. Er ging genauso ungern zum Arzt wie ich, obwohl er Visionen hatte. Man sagt, der heilige Klaus habe das schreckliche Antlitz Gottes gesehen und in langjähriger Arbeit zeichnerisch in die Skizze eines Rades überführt. Ich selbst neige ebenfalls dazu, das Rad neu zu erfinden und dafür mein ganzes Leben zu verbrauchen. In der Klause des heiligen Nikolaus roch es genauso nach Moder, wie die kalte Luft, die jetzt grade aus dem Birkenwäldchen in meinen Single-Haushalt hereinweht. Es ist Sonntag und das ist traditionell ein guter Tag für solche Dinge.

stonehead

wie es so geworden ist

Das sieht hier ja aus, als hätte ich das Layout von Felix Schwenzel geklaut.

 

Homosexualität und Islam, darüber wollte ich auch mal was schreiben, aber ich hatte nur eine vage Vorstellung davon. Wie mein Layout werden sollte, davon hatte ich ebenfalls nur eine vage Vorstellung und siehe da, schon reproduziert man, was man irgendwo aufgeschnappt hat. Ich kann nicht behaupten, daß das eines unabhängigen Theoriemagazins würdig wäre. Vielleicht widme ich den Superbahnhof in ein Praxismagazin zur Reproduktion gesellschaftlicher Vorurteile und ästhetischer Vorlieben von anderen um.

 

Gestern habe ich geträumt, ich sei in Hamburg bei H. – und sie mir nicht mehr böse gewesen, es war so lustig, daß ich beim Aufwachen noch gelacht habe, so war ich den ganzen Tag versöhnt mit allem. Danke, Seele.

 

Aber ist der Tag schon rum?

dieflaggesaudiarabiens

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