Die Nachbarn ziehen aus. Kurz überlegt, ob ich die Wohnung nicht dazumieten soll. Von dem ganzen Bier, das ich nicht mehr trinke, müßte ich mir das eigentlich leisten können, wenn ich nicht das ganze Geld stattdessen für pharmazeutische Stimmungsaufheller (I need them, I’ve got prescriptions, Elvis takes them too), Badekuren und den dringend erforderlichen Zahnersatz verausgaben müßte. Was man alles haben muß! Und was das alles kostet! Neulich mußte ich unbedingt Koffer kaufen. Nicht, daß ich so etwas bizarres wie zu verreisen geplant hätte, es war vielmehr eine fixe Idee. Sie wissen vielleicht, daß ich ein romantischer Idealist bin, der zur Mystifikation neigt – eine Disposition, die ich aus Vernunftgründen zutiefst verabscheue und daher meist schon im Ansatz steckenbleibe und unter großer Kraftanstrengung dort verharre. Statt zur Feder zu greifen liege ich lieber in denselben, wodurch der Menschheit aber auch einiges erspart bleibt. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich habe jedenfalls zwei Koffer, die zum Verreisen absolut nicht geeignet sind. Zum Verreisen benötigt man leichte Koffer mit Rollen, einem Griff zum Hinterherziehen und einer flexiblen und dennoch widerstandsfähigen Außenhaut, stimmts? All das haben meine Koffer nicht, sie sind offenbar Koffer zum Hierbleiben. Sie sind starr, sie haben Ecken und Kanten, mit denen man folglich auf Reisen überall aneckte. Wenn überhaupt zu irgendwas, taugen sie vielleicht zum Transport von in Schaumstoff eingebetteten Architekturmodellen aus Papier, schließlich sind sie selbst schon schwer genug, da kann man nicht noch wer weiß was alles reintun, wenn man sich keinen Bruch heben möchte. Haben Sie übrigens bemerkt, wie ich grade aus Vernunftgründen die romantisierende Mystifikation und idealisierende Stilisierung meiner Koffer bekämpft habe? Meiner beiden Hierbleibe-Koffer, die in der Wohnung stehen, von der ich beim Einzug geträumt habe, daß ich in ihr sterben werde? Und jetzt ziehen die Etagennachbarn aus, weswegen die Wohnung steigen wird und meine sinken, als wären nicht beide im Erdgeschoß und das Haus darüber.

[2007]

Georg Seeßlen

Georg Seeßlen

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